Die Frühlingssonne strahlt, der Wind weht kräftig und die finnische Stromproduktion läuft auf Hochtouren. Über eine Million Finnen mit Börsenstromverträgen haben in den letzten Tagen ungläubig auf ihre Strom-Apps gestarrt: Der Spot-Preis ist zu vielen Stunden auf null gesunken oder sogar deutlich ins Minus gerutscht.
In zahlreichen Haushalten wurden daraufhin nicht etwa Sparmaßnahmen ergriffen, sondern Waschmaschine, Elektrosauna, Backofen und sogar das Auto gleichzeitig an die Steckdose gehängt – mit dem Gedanken: „Jetzt zahlt mir der Stromanbieter fürs Verbrauchen“. Energieexperten und Netzbetreiber schütteln allerdings nur mit dem Kopf.
Dieser neue finnische Volkssport verbirgt eine gewaltige mathematische Falle. Wer während der vermeintlich „kostenlosen“ Stunden hemmungslos Strom verbraucht, wird im nächsten Monat höchstwahrscheinlich zur Kasse gebeten – auf eine Art, die kaum jemand erwartet. Hier kommt die ernüchternde Rechnung der Fachleute und drei wichtige Regeln, mit denen Sie dieser Stromfalle entgehen.
Der blinde Fleck beim Nulltarif: Wer bezahlt wirklich?
Wenn der Spot-Preis für Börsenstrom an der Nord Pool Börse beispielsweise auf minus 0,5 Cent pro Kilowattstunde fällt, denken viele Finnen, sie würden Geld verdienen, indem sie staubsaugen oder Kuchen backen.
Das ist jedoch ein reiner Trugschluss – und aus Sicht der Stromversorger ein bedauerlich weit verbreiteter Irrtum. Fachleute erinnern daran, dass sich Ihre Stromrechnung immer aus drei Komponenten zusammensetzt, von denen der Börsenpreis nur eine einzige darstellt. Die beiden anderen sind die Stromübertragung und die Stromsteuer.
„Selbst wenn die Stromenergie völlig kostenlos wäre oder sogar im Minus liegt, müssen Sie trotzdem für jede aus der Steckdose bezogene Kilowattstunde die Übertragungsgebühr an Ihren örtlichen Netzbetreiber sowie die staatliche Stromsteuer zahlen“, fassen Experten die Situation zusammen.
Die ernüchternde Mathematik der „Gratis-Sauna“
Betrachten wir ein typisches Beispiel von einem Dienstagnachmittag, an dem der Börsenstrompreis exakt 0,00 Cent pro kWh beträgt. Sie beschließen, die Elektrosauna eine Stunde laufen zu lassen, was etwa 8 Kilowattstunden Energie verbraucht.
- Stromenergie-Preis: 0,00 €
- Stromsteuer (inkl. MwSt.): Circa 2,8 Cent pro kWh → 8 kWh x 2,8 Cent = 0,22 €
- Netznutzungsgebühr (Durchschnitt): Circa 5 Cent pro kWh → 8 kWh x 5,0 Cent = 0,40 €
- Anbietermarge: Circa 0,5 Cent pro kWh → 8 kWh x 0,5 Cent = 0,04 €
Insgesamt hat Sie der „kostenlose“ Saunagang fast 70 Cent gekostet.
Bei einer Preisspitze im Minus (beispielsweise minus 0,5 Cent pro kWh) würde Ihr Stromanbieter Ihnen für den Energieanteil lediglich 4 Cent gutschreiben, während Ihre Rechnung an den Netzbetreiber weiterhin über 60 Cent beträgt. Erst wenn der Börsenpreis außergewöhnlich tief fällt – unter minus 8 Cent pro Kilowattstunde – beginnt der Stromverbrauch nach Abzug von Übertragung und Steuern tatsächlich Gewinn abzuwerfen. Solche Werte sind in Finnland jedoch äußerst selten.
Die neue Plage der Stromanbieter: Leistungstarif
Falls die Übertragungskosten noch nicht ausreichen, lauert die größte Gefahr beim unkontrollierten Verbrauch zu Nullpreiszeiten in Form des Leistungstarifs, der 2026 in vielen Regionen eingeführt oder ausgeweitet wurde.
Was bedeutet der Leistungstarif? Wenn Sie bemerken, dass Strom günstig ist, schalten Sie gleichzeitig Waschmaschine, Wäschetrockner, Sauna und Elektroauto-Ladung ein. Ihr Haushaltsnetz saugt eine massive Leistungsspitze aus dem Netz – beispielsweise 10 Kilowatt innerhalb einer Stunde.
Immer mehr Netzbetreiber berechnen mittlerweile zusätzlich zum Grundpreis eine separate Leistungsgebühr, die sich genau nach diesen Verbrauchsspitzen richtet. Wenn Sie im Laufe eines Monats auch nur eine einzige gewaltige Verbrauchsspitze in der Hoffnung auf „kostenlosen“ Strom verursachen, registriert Ihr Netzbetreiber diese und erhöht Ihre Übertragungsrechnung für den gesamten Monat um Dutzende Euro. Sie haben gerade Ihre günstige Börsenstromstunde zum teuersten Fehler des Monats gemacht.
Drei goldene Regeln: So nutzen Sie günstigen Strom richtig und sicher
Bedeutet das, dass man günstige Börsenstromstunden gar nicht nutzen sollte? Keineswegs. Die zeitliche Verlagerung des Stromverbrauchs ist die Rettung des gesamten Systems – aber sie muss intelligent und sicher erfolgen.
- Planen Sie Alltagsroutinen clever: Waschmaschine und Geschirrspüler während der Nullpreis-Phasen laufen zu lassen ist durchaus sinnvoll, denn Sie sparen echtes Geld im Vergleich zu teuren Abendstunden. Aber Achtung: Betreiben Sie diese Geräte niemals nachts unbeaufsichtigt! Das Risiko eines Brandes oder Wasserschadens ist keine paar gesparten Cent wert. Programmieren Sie die Geräte so, dass sie tagsüber oder am Wochenende laufen, wenn Sie wach sind.
- Vermeiden Sie das „Alles-auf-einmal“-Phänomen: Schalten Sie nicht alle Stromfresser Ihres Haushalts gleichzeitig während einer einzigen günstigen Stunde ein, besonders wenn Ihr Netzbetreiber Leistungsgebühren berechnet. Staffeln Sie den Verbrauch zeitlich: Heizen Sie zuerst die Sauna auf und starten Sie die Waschmaschine erst, wenn die Sauna ausgeschaltet ist.
- Laden Sie große Speichermassen auf (falls Sie die Technologie besitzen): Echte wirtschaftliche Einsparungen durch günstige Stunden entstehen nur, wenn Sie Energie speichern können. Besitzen Sie ein Elektroauto, laden Sie es vollständig auf. Haben Sie einen großen Warmwasserspeicher oder eine speichernde Fußbodenheizung, programmieren Sie diese so, dass sie sich während der Nullpreiszeiten aufheizen. Diese Geräte speichern den günstigen Strom und geben ihn später zur Nutzung frei.
Haben auch Sie alle Geräte eingeschaltet, wenn der Strompreis bei null stand, und dabei Übertragungsgebühren und Steuern vergessen? Hat Ihre Netzgebühr-Rechnung Sie erschreckt? Planen Sie die Staffelung Ihrer Geräte noch heute und teilen Sie diesen wertvollen Artikel in sozialen Netzwerken mit Freunden, die ebenfalls Börsenpreise genau verfolgen!



