Wenn Kraft nicht nur vom Training kommt
Eine europäische Forschergruppe hat einen Zusammenhang zwischen einer bestimmten Darmbakterie und gesteigerter Muskelkraft sowie verbesserter körperlicher Fitness nachgewiesen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass nicht nur Krafttraining und Proteinshakes zählen – sondern auch das, was unsichtbar im Darm lebt.
Jahrelang vertrauten Fitnessbegeisterte auf Trainingsprogramme, Eiweißpulver und Nahrungsergänzungen. Jetzt rückt ein neuer Faktor ins Rampenlicht: der Darm. Die Zusammensetzung des Mikrobioms – also sämtlicher Bakterien im Verdauungstrakt – scheint direkten Einfluss darauf zu haben, wie stark und leistungsfähig unsere Muskeln sind.
Genau das ist der Ausgangspunkt der neuen Studie, die in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. Die Forscher analysierten den Darm von 90 jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren sowie von 33 älteren Personen über 65 Jahre. Parallel dazu untersuchten sie die körperliche Leistungsfähigkeit der Teilnehmer gründlich.
Die Messungen umfassten unter anderem:
- Messung der Griffstärke mit einem spezialisierten Dynamometer
- Beinpresse zur Beurteilung der Beinkraft
- Bankdrücken zur Messung der Oberkörperstärke
- Bestimmung der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO₂max) als Indikator für Ausdauer
Aus Stuhlproben wurde anschließend das Mikrobiom kartiert. Mithilfe statistischer Methoden suchte das Team nach Verbindungen zwischen bestimmten Bakteriengruppen und den getesteten Kraft- und Fitnesswerten.
Eine Bakterienart sticht deutlich hervor
Unter Hunderten von Arten trat ein Name deutlich hervor: eine Bakteriengattung namens Roseburia. Innerhalb dieses Spektrums zeigte die Art Roseburia inulinivorans einen besonders bemerkenswerten Zusammenhang mit der Muskelkraft.
Diese Bakterienart korrelierte bei älteren Teilnehmern mit knapp 30 Prozent höherer Griffstärke – ein markanter Unterschied verglichen mit Personen ohne messbare Mengen dieser Art.
Bei älteren Frauen und Männern, bei denen Roseburia inulinivorans im Darm nachgewiesen werden konnte, war die Griffstärke im Durchschnitt 29 Prozent höher als bei Gleichaltrigen ohne diese Bakterien. Das entspricht ungefähr dem Unterschied zwischen einer Person, die gerade so ein Marmeladenglas öffnen kann, und einer, die mühelos das Doppelte hebt.
Bemerkenswert ist, dass sich der Effekt sehr deutlich auf die Kraft zeigte, nicht aber auf den VO₂max-Wert. Anders ausgedrückt scheint die Bakterie primär die Muskelkraft und -struktur zu beeinflussen und nicht die reine Ausdauerleistung.
Auch junge Erwachsene profitieren
Auch bei den jüngeren Teilnehmern fanden die Forscher ein Muster. Diejenigen, die besonders viele Roseburia inulinivorans-Bakterien im Darm hatten, schnitten sowohl beim Griffstärketest als auch bei der kardiorespiratorischen Fitness besser ab.
Die Mengen im Darm variierten erheblich je nach Alter:
- Junge Erwachsene: bis zu 6,6 Prozent des Mikrobioms
- Ältere Personen: nur etwa 1,3 Prozent des Mikrobioms
Je jünger die Teilnehmer waren, desto höher war der Anteil dieser Bakterie. Und parallel zum sinkenden Niveau nehmen Muskelmasse und Kraft mit dem Alter ab – eine auffällige zeitliche Übereinstimmung.
Was im Darm geschieht, bleibt nicht im Darm
Ein Zusammenhang allein reicht natürlich nicht aus, um festzustellen, dass diese Bakterie direkt Muskelkraft verleiht. Um einem Ursache-Wirkungs-Verhältnis näher zu kommen, wechselten die Forscher zu einem Tiermodell.
Sie behandelten Mäuse mit Antibiotika, um das vorhandene Mikrobiom stark zu reduzieren. Anschließend erhielten verschiedene Gruppen unterschiedliche Roseburia-Arten zugeteilt, darunter Roseburia inulinivorans.
Nach acht Wochen zeigten Mäuse mit dieser Bakterienart im Darm etwa 30 Prozent mehr Griffstärke in den Vorderpfoten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne diese Bakterien.
Die Tiere erhielten weder zusätzliches Training noch ergänzendes Protein. Der entscheidende Unterschied lag ausschließlich in den Bakterien, die ihren Darm besiedelten. Das spricht eindeutig dafür, dass die Mikroben aktiv in den Stoffwechsel der Muskeln eingreifen.
Mehr schnelle Muskelfasern für explosive Kraft
In Muskelproben der Mäuse fanden die Forscher vergrößerte Muskelfasern und einen höheren Anteil sogenannter Typ-II-Fasern. Diese schnellen Fasern werden besonders bei explosiven Belastungen aktiviert – zum Beispiel beim Sprint oder schwerem Kraftheben.
Gleichzeitig veränderte sich die Aktivität verschiedener Proteine und Enzyme, die an der Energieproduktion im Muskel beteiligt sind. Es wird deutlich, dass die Bakterie beeinflusst, wie Muskeln Energie nutzen und aufbauen.
Wir sind weit entfernt von der Vorstellung, dass eine simple Darmbakterie übernatürliche Muskelkraft verleiht. Aber die Daten weisen klar auf eine biologische Verbindung zwischen Mikrobiom und Muskelaufbau hin.
Neue Möglichkeiten gegen Muskelschwund im Alter
Mit zunehmendem Alter verlieren Menschen allmählich Muskelmasse und Kraft. Mediziner bezeichnen dies als Sarkopenie. Das erhöht das Sturzrisiko, schränkt die Beweglichkeit ein und kann letztendlich die Selbstständigkeit kosten.
Die Studie zeigt, dass genau die Bakterie, die mit stärkerer Muskulatur verbunden ist, im Alter deutlich seltener vorkommt. Genau in der Lebensphase, in der die Muskeln schwächer werden, fällt der Anteil von Roseburia inulinivorans dramatisch.
Das wirft die Frage auf: Kann eine gezielte Unterstützung des Darmmikrobioms helfen, Muskeln im Alter besser zu erhalten? In Zukunft könnte man sich probiotische Präparate vorstellen, die diese Bakterienart enthalten, oder spezielle Ernährungsprogramme, die ihr Wachstum im Darm fördern.
Das ist allerdings noch Zukunftsmusik. Die Forscher betonen selbst, dass sie bisher nur indirekt die wichtigsten Mechanismen aufdecken konnten. Es fehlten beispielsweise präzise Daten über Entzündungsprozesse oder die neuromuskuläre Signalübertragung – also die Kommunikation zwischen Nerven und Muskeln. Auch ist nicht geklärt, wie lange die Bakterien tatsächlich im Darm der Mäuse verbleiben.
So können Sie Ihr eigenes Mikrobiom unterstützen
Wer spontan nach einem Muskel-Probiotikum greifen möchte, muss noch warten. Solche Produkte existieren derzeit nicht mit klar dokumentierter Wirkung auf die Muskelkraft. Einige Strategien können jedoch generell das Darmmilieu in eine günstigere Richtung lenken:
- Ballaststoffreiche Kost mit reichlich Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten
- Fermentierte Lebensmittel wie Joghurt, Kefir, Sauerkraut und Kimchi
- Begrenzter Konsum von stark verarbeiteten Fertiggerichten und zuckerhaltigen Snacks
- Moderate, regelmäßige Bewegung – sie beeinflusst auch das Mikrobiom positiv
- Zurückhaltender Einsatz von Antibiotika, nur wenn medizinisch notwendig
Besonders interessant in diesem Zusammenhang: Roseburia inulinivorans nutzt Inulin als Nahrung. Inulin ist ein löslicher Ballaststoff, der unter anderem in Chicorée, Topinambur, Schwarzwurzel, Zwiebeln und bestimmten Vollkornprodukten vorkommt. Ob eine erhöhte Aufnahme von Inulin gezielt diese Art fördert, ist noch nicht endgültig geklärt – aber die biologische Logik spricht dafür.
Was Begriffe wie Mikrobiom und VO₂max bedeuten
Viele der genannten Fachbegriffe tauchen mittlerweile regelmäßig in Studien und Medienberichten auf. Zwei davon spielen hier eine zentrale Rolle:
- Mikrobiom: Sämtliche Mikroorganismen im Körper, hauptsächlich im Darm. Sie helfen bei der Verdauung, bilden Vitamine, trainieren das Immunsystem und produzieren Stoffwechselprodukte, die auch Muskeln beeinflussen können.
- VO₂max: Die maximale Sauerstoffaufnahmekapazität des Körpers unter Belastung. Je höher dieser Wert ist, desto besser funktioniert das Herz-Lungen-System – ein klassisches Maß für Ausdauerleistung.
Die aktuelle Studie zeigt, dass eine Bakterienart Kraftwerte deutlich prägen kann, ohne den VO₂max nennenswert zu verändern. Das rückt die Vorstellung in den Vordergrund, dass Ausdauer und Kraft auf Darmsignale über unterschiedliche biologische Wege reagieren.
Chancen und Risiken denkbarer künftiger Behandlungen
Sollten die Ergebnisse in größeren Humanstudien bestätigt werden, könnten mehrere Szenarien entstehen. Man könnte sich beispielsweise Kapseln mit lebenden Bakterien oder Kombinationen aus Bakterien und speziellen Ballaststoffen vorstellen, die gezielt in den Darm gelangen. Solche Konzepte sind bereits aus anderen Bereichen bekannt – etwa bei der Behandlung von Reizdarmsyndrom.
Gleichzeitig warnen Fachleute davor, das System zu vereinfachen. Das Mikrobiom ist ein empfindliches Netzwerk. Wenn man eine Art massiv stärkt, verändert man automatisch auch die anderen. Eine Überdosis bestimmter Stämme kann unerwartete Auswirkungen auf Verdauung, Immunreaktionen oder sogar die Stimmung haben.
Eine realistische Zukunftsperspektive ist daher eher ein mehrseitiger Ansatz: Krafttraining, ausreichende Proteinzufuhr, ausgewogene Ernährung und gezielte Unterstützung des Mikrobioms könnten sich gegenseitig verstärken. Besonders für ältere Menschen, die nicht mehr so intensiv trainieren können, hätte selbst eine kleine Verbesserung der Griffstärke enormen Wert – ob beim Treppensteigen, Einkaufen oder sicheren Aufrichten nach einem Stolpern.



