Wie das „Homogenozän“ unsere Artenvielfalt vereinheitlicht

In Städten, auf Feldern und in Gärten – überall setzen sich dieselben robusten Arten durch, während viele Spezialisten still und leise von der Bildfläche verschwinden.

Biologen sprechen bereits von einer neuen Epoche: dem Homogenozän. Diese Bezeichnung beschreibt ein Zeitalter, in dem menschliche Aktivitäten die Natur so grundlegend umgestalten, dass sich weltweit die gleichen Tier- und Pflanzenarten durchsetzen. Bunte, einzigartige Lebensgemeinschaften weichen einem globalen Einheitsmix aus wenigen Gewinnern – mit Folgen, die heute oft unterschätzt werden.

Was Forscher unter dem Homogenozän verstehen

Der Begriff Homogenozän bezeichnet eine Phase, in der sich Ökosysteme weltweit immer stärker angleichen. Nicht, weil überall dieselben Landschaften entstehen, sondern weil die darin lebenden Arten zunehmend einheitlicher werden.

Im Kern steht ein einfaches Muster: Generalisten gewinnen, Spezialisten verlieren. Arten, die unter vielen verschiedenen Bedingungen zurechtkommen, breiten sich rasant aus. Arten, die auf einen bestimmten Lebensraum feinabgestimmt sind, geraten unter Druck.

Im Homogenozän wird die ursprüngliche lokale Vielfalt durch eine global einheitliche Fauna und Flora ersetzt – still und unmerklich.

Mehrere wichtige Triebkräfte stehen hinter dieser Entwicklung:

  • Flächennutzung: Straßen, Bebauung, Industrie und Monokulturen zerschneiden und zerstören Lebensräume.
  • Intensive Landwirtschaft: Pestizide, Dünger und große Ackerflächen begünstigen wenige Arten, während viele verschwinden.
  • Globaler Handel und Reisen: Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen reisen in Containerschiffen, Flugzeugen und Autos mit.
  • Klimaveränderungen: Änderungen bei Temperatur und Niederschlag verschieben ganze Lebensräume nach Norden oder in höhere Lagen.

Generalisten gegen Spezialisten: Wer dominiert die Zukunft

Biologen unterscheiden grundsätzlich zwischen zwei Strategien: Generalisten und Spezialisten. Generalisten gedeihen unter vielen Lebensbedingungen, während Spezialisten an enge Nischen angepasst sind.

Die Aufsteiger: Arten, die fast überall klarkommen

Typische Gewinner im Homogenozän sind Arten, die bereits gelernt haben, mit Menschen zu leben – oder sie bewusst ausnutzen. Dazu gehören unter anderem:

  • Stadttauben, die von Abfall und Gebäuden profitieren
  • Ratten, die sich blitzschnell in Häfen, Kellern und Kanalisationen verbreiten
  • Kakerlaken, die in nahezu jedem Klima überleben können
  • Bestimmte Krähen- und Rabenvögel, die extrem anpassungsfähig sind
  • Robuste Fische wie Karpfen und Tilapia, die in vielen verschiedenen Wasserumgebungen gedeihen

Diese Arten siedeln sich in den unterschiedlichsten Umgebungen an. Städte, Häfen, Agrarlandschaften – all das sind ideale Spielwiesen für Generalisten. Sie reisen mit uns rund um den Globus, versteckt in Containern, Frachträumen oder an Schiffsrümpfen.

Die Verlierer: Spezialisten mit engem Lebensfenster

Ganz anders sieht das Bild bei den Spezialisten aus. Sie sind perfekt an ein bestimmtes Umfeld angepasst – und darin oft unübertroffen. Doch sobald sich dieses Umfeld verändert, geraten sie schnell in Bedrängnis.

Das betrifft beispielsweise:

  • Inselvögel ohne natürliche Feinde, die nie gelernt haben, Raubtieren auszuweichen
  • Amphibien, die nur in wenigen, sehr sauberen Wasserstellen laichen können
  • Pflanzen, die an ganz bestimmte Bodentypen oder Höhenlagen gebunden sind
  • Fische, die nur in kalten, sauerstoffreichen Bergbächen vorkommen

Wenn Menschen diese Lebensräume verändern – durch Straßenbau, Rodung, Staudämme oder den Einsatz von Dünger und Pestiziden – bricht das fein austarierte System schnell zusammen. Die Spezialisten verschwinden, und die freigewordenen Nischen werden von flexibleren Arten besetzt.

Wenn dieselben Tiere überall auftauchen

Besonders deutlich lässt sich das Muster auf Inseln beobachten. Viele Inselarten haben sich über Jahrtausende ohne größere Konkurrenz und oft ohne ernsthafte Räuber entwickelt. Diese Idylle kippt, sobald Menschen mit Gefolgsleuten wie Ratten, Katzen oder Mangusten ankommen.

Ein Beispiel: Ein flugunfähiger Vogel auf einer Pazifikinsel, perfekt angepasst an ein Leben am Boden ohne Räuber. Mit der Ankunft eingeführter Raubtiere verliert er praktisch von einem Tag auf den anderen seine Überlebenschance. Die Räuber übernehmen, der ursprüngliche Vogel verschwindet – ein ganzer Zweig des evolutionären Stammbaums bricht ab.

Ähnliche Entwicklungen finden in Flüssen und Seen statt. Menschen setzen Fische aus, um die Fischerei zu „verbessern“ oder Anglern attraktive Arten zu bieten. Karpfen, Forellen und Barsche verdrängen allmählich lokale Fischgemeinschaften, die über Jahrtausende gewachsen sind. Aus vielen unterschiedlichen Fischgemeinschaften entstehen eine Handvoll globaler Standardarten.

Die ökologische Landkarte der Erde verliert ihre scharfen Konturen – Grenzen, die früher Arten voneinander trennten, verwischen.

Die stille Schrumpfung der globalen Vielfalt

Mit jeder Art, die verschwindet, geht mehr verloren als nur ein Name auf einer Liste. Hinter jeder Art liegen Millionen Jahre Evolution, Anpassung und genetische Variation. Wenn überall dieselben zehn robusten Arten dominieren, sinkt die gesamte Vielfalt des Lebens – selbst wenn die Anzahl der Individuen lokal stabil bleibt.

Diese Vereinheitlichung hat mehrere Konsequenzen:

  • Weniger Stabilität: Ökosysteme mit vielen verschiedenen Arten reagieren oft robuster auf Störungen, weil Ausfälle besser abgefedert werden können.
  • Verlust lokaler Eigenarten: Charakterarten prägen Landschaften – verschwinden sie, verlieren Regionen ein Stück Identität.
  • Unvorhersehbare Kettenreaktionen: Wenn eine Schlüsselart verschwindet, kann das gesamte Nahrungsnetz ins Wanken geraten.

Hinzu kommen beschleunigende Faktoren wie die Klimakrise und Rohstoffhunger. Wälder werden durch Plantagen ersetzt, Feuchtgebiete trockengelegt und Korallenriffe bleichen aus. Viele Arten schaffen es nicht, sich schnell genug anzupassen oder in neue Gebiete zu ziehen.

Was wir noch ändern können – und wo es bereits gelingt

Die Entwicklung wirkt dramatisch, ist aber nicht vollständig vorbestimmt. Dort, wo natürliche Lebensräume wiederhergestellt oder konsequent geschützt werden, zeigen viele Arten bemerkenswerte Fähigkeiten zur Rückkehr.

Renaturierung statt Einheitslandschaft

Renaturierte Auenlandschaften, wiedervernässte Moore, vielfältige Wiesen – überall hier steigt die Artenzahl oft innerhalb weniger Jahre. Spezialisten kehren zurück, wenn ihre Nischen wieder verfügbar sind.

Wichtige Maßnahmen umfassen unter anderem:

  • Größere, zusammenhängende Naturgebiete zu schaffen
  • Hecken, Feldränder und Blühstreifen in Agrarlandschaften anzulegen
  • Flüsse von Regulierungen zu befreien, damit natürliche Strukturen entstehen können
  • Die Wiederansiedlung heimischer Arten gezielt zu unterstützen

Umgang mit gebietsfremden Arten

Ein weiterer Hebel liegt in der Verwaltung invasiver Arten. Wo eingeführte Räuber, Pflanzen oder Fische gezielt entfernt oder kontrolliert werden, können sich die ursprünglichen Lebensgemeinschaften erholen. Das funktioniert nicht überall und nicht immer schnell, aber es zeigt, dass die Entwicklungen des Homogenozäns beeinflussbar sind.

Was der Begriff Homogenozän für unseren Alltag bedeutet

Homogenozän klingt nach Fachsprache für Experten. In der Praxis handelt es sich um eine Entwicklung, die alle berührt. Wer durch europäische Innenstädte geht, sieht vielerorts dieselbe Kombination aus Tauben, Krähen und einigen wenigen Pflanzenarten in Fugen und Parks. Wer sich entlang stark genutzter Küsten bewegt, findet ähnliche Muschel- und Krebsarten – selbst auf weit voneinander entfernten Kontinenten.

Einige Punkte, die oft übersehen werden:

  • Artenreichtum ist kein Luxusanliegen für Naturschützer, sondern die Grundlage für sauberes Wasser, fruchtbare Böden und stabile Ernteerträge.
  • Je einheitlicher Lebensgemeinschaften weltweit werden, desto anfälliger können sie gegenüber Krankheiten oder Schädlingen sein, die gerade diese Standardarten treffen.
  • Lokales Engagement – von naturfreundlichen Gärten über pestizidfreie Bewirtschaftung bis hin zu politischem Druck für Schutzgebiete – beeinflusst direkt, welche Arten in einer bestimmten Region eine Chance haben.

Das Homogenozän zeigt vor allem eines: Menschliche Entscheidungen formen nicht nur das Klima, sondern auch das Gesicht des Lebens auf der Erde. Ob unsere Umgebung in Zukunft von wenigen Generalisten dominiert wird oder einer bunten Vielfalt von Spezialisten Raum gibt, ist keine abstrakte Zukunftsfrage – das wird jetzt verhandelt, in Stadtplanung, Landwirtschaft, Handelspolitik und im eigenen Garten.

Author

  • Andrea Funk è una blogger tedesca di lifestyle e DIY, fondatrice di andysparkles, dove condivide consigli pratici su vita quotidiana, viaggi e creatività.

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